Wenn der Anruf vom Chef gar nicht vom Chef kommt

Wenn der Anruf vom Chef gar nicht vom Chef kommt

September 2, 2026

Vergangene Woche haben mehr als hundert Technologieunternehmen einen gemeinsamen Aufruf veröffentlicht, darunter Microsoft, Amazon, Visa und Mastercard. Ihre Botschaft war deutlich. Die Abwehr müsse dringend nachziehen, weil Angreifer inzwischen dieselben Werkzeuge nutzen wie alle anderen auch.

Im Arbeitsalltag merkt man das an einer einfachen Sache. Die Zeiten, in denen man Betrugsversuche an holprigem Deutsch und krummen Absenderadressen erkannt hat, sind vorbei. Heute schreibt die Gegenseite fehlerfrei und kennt den Namen Deiner Buchhalterin. Am Telefon klingt sie wie Du.

Der Aha-Effekt: Die Lücke sitzt zwischen Zutrauen und Verhalten

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat gemeinsam mit der Polizeilichen Kriminalprävention Anfang des Jahres 3.060 Menschen befragt. 47 Prozent trauen sich zu, KI-erzeugte Inhalte zu erkennen. Tatsächlich überprüft nur ein knappes Fünftel die Glaubwürdigkeit der Quelle, und ein Drittel hat noch nie irgendeine Prüfmaßnahme angewendet. Zwischen dem, was Menschen sich zutrauen und dem, was sie tatsächlich tun, klafft also ein Abstand und genau dort setzen die Angreifer an. Mit Software lässt sich dieser Abstand nicht schließen.

Drei Regeln, die in einer halben Stunde eingeführt sind

Die Rückrufregel bei Geld: Jede Zahlungsanweisung, die per Mail, Chat oder Anruf hereinkommt und von der üblichen Routine abweicht, wird über einen zweiten Kanal bestätigt. Nicht über die Nummer aus der Nachricht, sondern über die Nummer, die in Eurem System hinterlegt ist. Die Regel greift bei den Fällen, in denen jemand angeblich im Namen der Geschäftsführung eine eilige Überweisung anordnet. Der Rückruf kostet dreißig Sekunden. Er muss im Haus ausdrücklich erlaubt und erwünscht sein, denn sonst überspringt ihn irgendwann jemand aus Höflichkeit gegenüber der vermeintlichen Chefin am Telefon.

Kein Zeitdruck ohne Rückfrage: Alle diese Angriffe arbeiten mit Eile. Der Geschäftsführer sitzt angeblich im Flieger, der Kunde droht abzuspringen, die Frist läuft heute ab. Vereinbare im Team, dass Dringlichkeit allein nie ein Grund ist, eine Prüfung zu überspringen, und sag ausdrücklich dazu, dass eine Verzögerung von zehn Minuten für Euch nie ein Problem ist.

Ein Codewort für den Ernstfall: Für Anrufe, bei denen es wirklich schnell gehen muss, hilft ein vereinbartes Wort, das nur intern bekannt ist. Das klingt nach Spionagefilm und ist trotzdem die einfachste Absicherung gegen eine nachgebaute Stimme. Aufschreiben, hinterlegen, jährlich wechseln.

Die versteckte Anweisung im Dokument

Ein Angriffsweg, den laut der BSI-Erhebung nur eine Minderheit überhaupt kennt: Anweisungen, die für Menschen unsichtbar in einem Dokument stecken und erst wirken, wenn eine KI das Dokument liest. Weiße Schrift auf weißem Grund, versteckte Textfelder, Kommentare im Dateiformat. Wenn Ihr eingehende Bewerbungen, Angebote oder Rechnungen automatisch durch ein KI-System schickt, kann eine einzige solche Zeile das System anweisen, vertrauliche Informationen preiszugeben, Inhalte zu verfälschen oder eine Bewerbung an der eigentlichen Prüfung vorbeizuschleusen. Dagegen hilft schon, Dokumente aus unbekannter Quelle nicht ungeprüft in automatisierte Abläufe zu geben und bei allem, was Geld oder Daten bewegt, einen Menschen dazwischenzuschalten.

Warum das keine IT-Aufgabe ist

Die Versuchung ist groß, das Thema an die IT weiterzureichen. Nur greifen diese Angriffe nicht die Technik an, sondern die Gewohnheiten. Sie funktionieren, weil jemand höflich sein will, weil eine Frist drückt oder weil die Stimme am Telefon vertraut klingt. Dagegen hilft eine Absprache im Team, die jeder kennt und die niemand als Misstrauen versteht.

Rober Iuga Portrait

Robert

Digital Transformation Manager

Du hast Interesse KI in Deinem Unternehmen erlebbar zu machen? Ich freue mich auf Deine Nachricht!